© Ebba D. Drolshagen
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 Linda Goodnight

 Das Flüstern der Magnolien

   Aus dem Amerikanischen von Christel Kröning

 

 Auszug aus dem 3. Kapitel

 

Peach Orchard Farm

Sommer 1864

 

Die Erde hätte beben müssen unter den herannahenden Hufschlägen. Doch dieser Trupp der Unionsarmee – Reiter, Fußsoldaten, Verwundete – bewegte sich leise, fast schon ehrfürchtig.

             Die Nachricht der unmittelbar bevorstehenden Besetzung ihres neuen Zuhauses hier in Tennessee erreichte Charlotte Reed Portland im Salon, wo sie ihren beiden Schwägerinnen gerade eine komplizierte Sticktechnik beibrachte. Das buttergelbe Sonnenlicht des drückend heißen Tages schien träge durch die Fenster, als plötzlich der aufgeregte Ruf eines Bediensteten die Stille zerriss. Es folgte das Poltern schneller Fußtritte und schließlich stürmte mit wild abstehenden Haaren ihr neunjähriger Sohn ins Zimmer.

             „Mama, die Yankees kommen!“

             Benjamins atemlos hervorgebrachte Worte ließen Charlotte zusammenfahren und ihre Finger krampften sich um den Stickrahmen.

             Sie hatte ja gewusst, dass sie kommen würden, diese Soldaten im Krieg mit Charlottes Wahlheimat auf der Suche nach Pferden und Nahrung zur Stärkung der Union. Dass die Konföderation natürlich das Gleiche brauchte, war ihnen wohl nicht bewusst oder vielmehr egal. Die kleine, abseits gelegene Stadt Honey Ridge war durch die Belastung des Krieges bereits nahezu ausgeblutet.

             Also kamen sie jetzt natürlich hierher, zur Peach Orchard Farm, wo mit ihr selbst, ihrem Mann Edgar und ihrem Sohn Benjamin nun schon die dritte Generation Portlands wohnte. Obwohl man das Anwesen kaum als echte Plantage bezeichnen konnte, hatten sie doch ausreichend Mais und Weizen sowie Obst und Vieh und ein paar Sklaven.

        

[…]   

 

             „Josie, Patience“, wandte sie sich an die beiden Jüngeren. „Schließt euch in euren Zimmern ein. Nehmt Benjamin mit. Geht nicht nach draußen und seht auch nicht aus dem Fenster. Macht euch unsichtbar.“

             Der vom Reifrock aufgefächerte Saum ihres Kleides raschelte über den Boden, als sie entschlossenen Schrittes unter das säulengetragene Dach der Veranda hinaustrat, wo sie die Hände fest um das weißgetünchte Geländer schloss und wartete. An jedem anderen Tag hätte sie gern hier gestanden, sie mochte den Ausblick auf die den Zufahrtsweg flankierenden Magnolien und die Pfirsichbäume des Obstgartens, der sich von hier weiter in Richtung Norden erstreckte. Heute jedoch zitterten ihr die Knie, und sie sah nichts außer den herannahenden Soldaten, dieser militärisch geordneten, von einigen Reitern durchbrochenen, langgezogenen Silhouette aus Blau und Gold, der die lautlos flatternden Stars und Stripes der Union vorangetragen wurden.

              Sie kannte die Schauergeschichten. Armeen aus dem Norden, die alles plünderten und keinen Stein auf dem anderen ließen, aber Gott stehe ihr bei, sie würde alles tun, um ihre Familie und ihr Heim zu beschützen. Von dem Tage an, da sie als scheue Braut von sechzehn Jahren hierhergebracht worden war, hatte sie sich weit mehr in dieses Anwesen verlieben können als in seinen Besitzer, ihren Ehemann Edgar. Ihr Heim und ihr Sohn waren ihr ganzer Lebensinhalt.

              Der Schweiß juckte ihr mittlerweile hässlich unterm Kragen, dennoch blieb sie reglos stehen, äußerlich gefasst, und suchte unter den Feinden nach einem Zeichen von Menschlichkeit.

              Je näher die Soldaten auf dem gewundenen Zufahrtsweg an das Haus herankamen, desto deutlicher konnte sie die Erschöpfung in den Gesichtern der jungen Männer erkennen, das Blut auf den Uniformen und dass einige der Fußsoldaten Bahren mit Verwundeten trugen. Von Weitem hatten sie wie eine riesige Armee gewirkt, doch tatsächlich war es nur eine kleinere Kompanie. In den gehetzten Blicken dieser jungen Männer, die fast noch Kinder waren, hielt der Krieg auf Peach Orchard Farm Einzug, und er brachte die Ahnung mit sich, dass fortan nichts mehr so sein würde wie vorher.

 

 

Auszug aus dem 9. Kapitel

 

Peach Orchard Inn

Heute

 

Die Sweat-Zwillinge glänzten heute als doppeltes Ensemble aus rosa-geblümtem Hemdblusenkleid, schillernd pinken Pumps, breitkrempigem weißen Sonnenhut und passenden Handschuhen. Vida Jean und Willa Dean versetzten Julia immer ein bisschen in die fünfziger Jahre zurück, als unter Südstaatenladys noch diese gewisse uniforme Noblesse in Kleidung und Auftreten herrschte. Allerdings waren die mittlerweile achtzigjährigen Zwillinge alles andere als konventionell. Mit ihren aufgemalten Augenbrauen, dem stets präsenten grellroten Lippenstift und den in diesem ganz speziellen Zitronenton gefärbten Haaren hatten sie in Honey Ridge längst Ikonenstatus erlangt.

              „Guten Morgen, Ladys. Kommt rein.“

             „Wir können nicht lange bleiben, Julia, Schätzchen.“ Das war Vida Jean. Julia erkannte sie an dem Muttermal auf der Wange.

             „Aber natürlich können wir, Vida Jean. Julia, hast du etwas von deinem wundervollen Pfirsichtee da?“

             „Ist gerade fertig. Setzt euch doch schon mal, ich hole ihn.“

             „Du bist so ein liebes Mädchen. Das habe ich Willa Dean heute Morgen schon gesagt. Nicht wahr, Schwesterherz?“

             „Heute Morgen schon, in der Tat.“ Willa Dean nahm ihre übergroße Korbtasche von der einen in die andere Hand und sagte: „Ich hätte auch nichts gegen ein Stück Kuchen einzuwenden, falls du zufällig welchen da hast.“

             „Wie wäre es mit Pfirsichmuffins?“, bot Julia an. „Frisch von heute früh.“

             „Herrlich. Danke, Liebes.“

             „Bin gleich wieder da.“

             Mit einem Lächeln auf den Lippen ließ Julia die Zwillinge zurück in dem schönen alten Salon: glänzende Holzdielen, großer Kamin, original erhaltener Kronleuchter, beiges Sofa mit geschwungener Rückenlehne. Über die hartnäckige dunkle Stelle nahe dem Kamin hatte sie einen farbenfrohen Teppich gebreitet. Ja, sie kannte die Gerüchte, aber Gedanken über Blutflecken halfen ihr zurzeit überhaupt nicht weiter.

             Mit einem Tablett kam sie aus der Küche zurück, servierte, schenkte ein und setzte sich dazu. Jetzt konnte Valery mal allein arbeiten. Es gab ständig was zu tun. Auch wenn gerade nicht viel los war, wollten Dielen geschrubbt, Ventilatoren abgestaubt und Blumenbeete gejätet werden. Das kam zu der voraussichtlich ewig andauernden Restaurierung und eventuellen Erweiterung noch hinzu.

             Die Sweat-Zwillinge führten mit vornehm abgespreiztem kleinen Finger ihre vom kalten Eistee beschlagenen Gläser zum Mund und unterhielten Julia mit den neuesten Geschichten aus der Stadt, wo unter anderem das neue Perkins-Baby geboren und der arme Pfarrer Ramsey vom Kirchendach gefallen war. Letzterer lag jetzt mit gebrochenem Bein im Krankenhaus. Julia hatte sich zwar schon lange nicht mehr in der Kirche blicken lassen, doch sie notierte sich im Geiste, dem Pastor eine Karte zur Genesung zu schicken.

             Ein Poltern ertönte über ihren Köpfen. Alle drei sahen zur Decke.

             „Die Gäste“, sagte Julia. „Oder Valery beim Aufräumen.“

             Die Zwillinge tauschten einen Blick aus. „Willa Dean und ich haben nachgedacht. Nicht wahr, Schwesterherz?“

             „Nachgedacht, in der Tat. Du weißt, was man sich über dieses Haus erzählt, Liebes?“

             Wie konnte sie das nicht wissen? Schließlich war sie hier aufgewachsen. Doch sogar schon als Kind hatte sie eine gewisse Verbundenheit zu diesem Haus verspürt, selbst als die Fassade noch abblätterte, die Wände noch durchhingen und die Veranda unter dem ganzen Unkraut zu ersticken drohte. Sie war noch ganz klein gewesen, als seine letzten Besitzer nach Georgia gezogen und es dem fortschreitenden Verfall anheimgegeben hatten, was Zutritt-Verboten-Schilder und ein Vorhängeschloss am Eingangstor nach sich gezogen und jede Menge Geistergeschichten in Schwung gebracht hatte.

             „So was erzählt man sich doch über jedes Haus, das mal für eine Weile leer gestanden hat.“

             „Ist dir denn seit deinem Einzug gar nichts Ungewöhnliches aufgefallen?“

             „Ungewöhnliches?“ Antike Murmeln an sonderbaren Orten oder körperloses Kinderlachen zum Beispiel?

             „Unser Großvater hat uns Geschichten erzählt. Hat er nicht immer schön erzählt, Vida Jean?“

             „Sein Daddy ist im Krieg gewesen, weißt du? Chester Lorenzo Sweat, seines Zeichens Corporal in der Ersten Kavalleriedivision der Confederate States Army. Meine Schwester und ich erinnern uns noch ganz genau an die Geschichten, stimmt doch, Willa Dean?“

             Julia wusste natürlich sofort, von welchem Krieg die Rede war. Der Amerikanische Bürgerkrieg erfreute sich in Honey Ridge einer ständigen Präsenz durch Erinnerungen, Ehrungen und Aufführungen. Es kursierten zahlreiche Geschichten, die im Laufe der Zeit und durch den Südstaatenstolz der Erzählenden immer weiter geschönt und ausgeschmückt wurden.

             „Hier sind jedenfalls keinerlei Geister erschienen, falls du das meinst.“

             „Oh.“

             „Nun, gut.“ Vida Jeans Muttermal zitterte leicht.

             In einer einzigen, völlig synchronen Bewegung falteten die Zwillinge steif und geziert die Hände um die Henkel ihrer Korbtaschen und waren ganz offensichtlich sehr enttäuscht.

 

 

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